
“Der Prozeß der Zivilisation, unserer Art von Zivilisation, bedeutet, daß die Welt dichtgemacht wird. Ein Tor nach dem anderen, das bisher nach draußen führte, hinaus aus der Gesellschaft, der Geschichte, der Politik, der Rationalität, wird geschlossen. Zum sinnvollen Raum möglicher Negationen wird ausschließlich das vollkommene Rund der universalen Diskursgemeinschaft und ihrer Intersubjektivität. Das ist zugleich die Intersubjektivität der einander endlos bespiegelnden endlichen Träger von Interessen in einem fugenlosen Raum der Empirie. Die einst schwindelerregende Flucht der Vergangenheit über die Grenzen der Welt hinaus ist zur Museumsstraße verflacht und entschärft, der Mythos zur Moral eingeebnet und auf den handelsüblichen egoistischen Nenner gebracht. Man soll sich nicht beklagen. Aber der Philosoph sollte versuchen, den Abschließungsprozeß, der die Welt beherrscht, aufzuhalten. Der Türsteher bei Kafka schließt am Ende das Tor, er ist ein Agent jener grausam geballten Machtsphäre, die dem Menschen einen Ausweg und eine Freiheit bloß vorspiegelt, um ihn umso besser in die Gefangenschaft der Welt bannen zu können. Der Philosoph hingegen sollte versuchen, Welttüren aufzumachen und offenzuhalten. Das scheint freilich eine Aufgabe zu sein, der man in unserem Jahrhundert kaum nachgekommen ist. In ihm überwiegen Gefängniswärter mit einem zum Teil zwanghaften Faible für das Ab- und Wegsperren. Dieses Faible umspannt den Bogen von Rudolf Carnap bis Martin Heidegger: Der eine wie der andere erklärten die großen Themen der philosophia perennis - das Problem der Existenz einer Außenwelt, die Frage nach dem Fremdseelischen, die Scylla des Solipsismus und die Charybdis der Skepsis - zu Scheinfragen. Ludwig Wittgenstein apostrophierte die Philosophie als eine Krankheit der Sprache, deren Heilung ein langwieriges Unternehmen sei. Ernst Topitsch, der mit seinem dem Geiste des Neopositivismus verpflichteten Buch Vom Ursprung und Ende der Metaphysik (1958) bekannt wurde, pflegte seinen Studenten gelegentlich zu sagen, er fühle sich als Verwalter seiner Konkursmasse, eben der Philosophie. In Wahrheit sind derlei Abkanzelungen der Metaphysik selbst Symptome eines tiefliegenden Degenerationsprozesses. Der Aufstand gegen den Vater führt über eine Reihe scheinbar zwingender Rationalisierungen (Wissenschaft, Technik, Autonomisierung des Subjekts, geschichtlicher Fortschrittsglaube), zu einer Umpolung des religiösen Instinkts: Wie besessen, und tatsächlich paranoid, werden alle Schlupfwinkel der Transzendenz aufgestöbert, um sie alle argumentativ zu verstopfen und moralisch auszuräuchern. Die Kultleidenschaft bemächtigt sich eines neuen Absolutums, der Innerweltlichkeit. Es kommt zur Totalisierung der 'Immanenz', die in den Rang des gestürzten Reiches der Metaphysik, des Transzendenten und Transzendentalen, erhoben wird. Die Immanenz herrscht fortan total, und sie beherrscht uns ganz und gar. Außer ihr gibt es keinen Sinn, was hierorts nicht besteht, ist vertan. Das 'Realitätsprinzip' ist nun der Götze, gegen den aufzubegehren mit einem Rückfall in die schlimme archaische Unvernunft gleichgesetzt wird. Dieser Abschließungsprozeß wird durch die neueste Berufung auf metaphysics nicht korrigiert, im Gegenteil. Die angloamerikanischen Philosophen unserer Tage neigen zu einem ontologischen Pluralismus. Dahinter verbirgt sich oft eine strukturelle Unernsthaftigkeit. Die religiöse Haltung wird kokett als eine Möglichkeit zitiert, aber in Wahrheit ersetzt durch den Glauben an die Möglichkeit vieler Welten. Es ist nicht wahr, daß ich an keinen Gott glaube, sagt der Postmodernist, ich glaube an alle Götter. Dadurch wird unsere Weltverfallenheit nur potenziert. Alle Welten sind letzten Endes Spiegelungen der einen: der ausweglosen, unwandelbaren. Alles ist Kultur. Alles endet bei der liberalen 'Positivierung' - das heißt Vernichtung - von Transzendenz, bei ihrem sie zerstörenden Einbau in das Gefängnis.„
Peter Strasser, Journal der letzten Dinge, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1998, S. 238f

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